1 DAS PÄDAGOGISCHE BASISKONZEPT

1.1 Überblick zur Konzeption

Das Bildungskonzept des Privaten Gymnasiums Esslingen verfolgt ein interdisziplinäres (medizinisches, psychologisches und pädagogisches) Konzept mit multimodaler Vorgehensweise. Das Konzept umfasst nach einer sorgfältigen Diagnostik Aufklärung, Beratung, Elterntraining, Verhaltensmodifikation und im Bedarfsfall Psychopharmakotherapie unter ärztlicher Überwachung. Eine medikamentöse Therapie ist dabei immer in eine umfassende Beratung aller Beteiligten eingebettet.

Der durch ADHS bedingte hohe Betreuungs- und Beschulungsaufwand kann in der hier beschriebenen Form nur als Ganztagesschule umgesetzt werden. Zur Anpassung und Fortentwicklung des Bildungskonzepts steht dem Schulpersonal ein wissenschaftlicher Beirat zur Seite.

Das Gesamtkonzept des Privaten Gymnasiums Esslingen mit der begleitenden Verhaltenstherapie von Kindern mit ADHS setzt auf mehreren Ebenen an und erarbeitet mit Eltern und Kindern, aber auch mit Erziehern und Lehrern Wege zur Lösung konkreter problematischer Situationen.

Bedingung für die Aufnahme von Schülern an das Private Gymnasium Esslingen ist eine zeitnahe, durch eigens dafür geschulte Psychologen, Psychotherapeuten und Ärzte durchgeführte ADHS-Diagnosestellung.

Das nachstehende Organigramm zeigt die eng verzahnte Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften einerseits und dem psychologisch-pädagogischen Leitungsteam der Schule andererseits.

Das pädagogische Konzept der Schule beinhaltet dabei auch die enge Abstimmung zwischen Pädagogen und Eltern. Wöchentliche schriftliche Berichte an die Eltern ("Wochenberichte") und regelmäßige, über das übliche Maß hinaus stattfindende Informationsgespräche halten die Eltern über die schulische und psychologische Entwicklung der Kinder auf dem Laufenden.

Sowohl Lehrer als auch Eltern werden durch spezielle, verpflichtende Trainingseinheiten für die Anforderungen an Kinder mit ADHS geschult. Wöchentlich stattfindende Kooperationssitzungen zwischen Gesamtlehrerkonferenz und psychologisch-pädagogischem Leitungsgremium ermöglichen eine zeitnahe Evaluation des Unterrichtsgeschehens und ggf. Einzelfallbesprechungen von positiv wie negativ auffällig gewordenen Schülern.

Die Schule stellt sich monatlich einer Fremdevaluation und Supervision durch einen entsprechend fachlich qualifizierten Kooperationspartner.

Im Hinblick auf die Unterrichtsinhalte werden die Bildungsstandards von Baden-Württemberg unter Berücksichtigung der Stundentafel für das achtjährige Gymnasium umgesetzt. Um den besonderen Erfordernissen der von ADHS betroffenen Schüler zu entsprechen, werden die Poolstunden nach einem speziell entwickelten Curriculum insbesondere in den unteren Klassenstufen eingesetzt. Jeder Schüler besucht täglich ein verpflichtendes Silentium mit Betreuung der Übungsaufgaben und bedarfsorientiertem Förderunterricht durch Fachlehrer. Neu aufgenommene SchülerInnen, die entgegen der Erwartung im Verlauf des Schuljahres den Erfordernissen des Gymnasiums noch nicht gewachsen sind, werden durch besondere Maßnahmen gefördert (N-Zug).

Das Private Gymnasium Esslingen versteht sich als Modellschule und will in Zusammenarbeit mit Einrichtungen aus Forschung und Lehre geeignete Unterrichtskonzepte für Schülerinnen und Schüler mit ADHS weiterentwickeln und deren Wirksamkeit und praktische Umsetzbarkeit erproben. Dabei wollen Sie die gewonnenen Erkenntnisse einem größeren Kreis von Bildungseinrichtungen auch im Rahmen der Lehreraus- und Lehrerfortbildung zugänglich machen.

1.2 Die Merkmale des pädagogischen Basiskonzepts im Einzelnen

· Klare, z.T. institutionalisierte und ritualisierte Regeln in kleinen Klassen bis maximal 15 SchülerInnen

· Aufbau von erwünschtem Verhalten durch zeitnahes und motivierendes Feedback (Verstärkung der Anstrengungsbereitschaft)

· Rasche Deeskalation bei Konflikten (liebevolle Sturheit)

· Silentien und Extra-Silentien (z.T. mit individueller Betreuung)

· Gelenkte Beschäftigung in allen Pausen/Freizeitangeboten bis Klasse 9

· Besonders intensives Einüben von Basiskompetenzen

· Kontrolle der Übungsaufgaben (Hausaufgaben) - gezielte Förderung bei Interessse/Begabung, um das versteckte Potenzial zu nutzen

· Das psychologischpädagogische Leitungsteam führt Aufnahmegespräche, Bewerbungsgespräche mit neuen Mitarbeitern und ist einmal pro Woche im Lehrerteam (Supervision). Es hält in jeder Klasse einmal wöchentlich den Klassenrat ab. Ferner werden durch das psychologisch-pädagogische Leitungsteam die Unterrichte regelmäßig begleitet.

· Grundvoraussetzung für eine Schüleraufnahme ist eine aktuelle Diagnose ADHS sowie überdurchschnittliche Begabungsressourcen, sowie das Fehlen einer zusätzlichen dissozialen Störung mit frühem Beginn. Die Grundschulempfehlung spielt eine untergeordnete Rolle.

· Die Lehrer/das Personal absolvieren ein spezielles Lehrertraining an vier Wochenenden und einer zusätzlichen Intensivwoche zum Einüben der spezifischen Gesprächsführungstechnik für gelingende Kommunikation mit den Schülern und deren Eltern.

· Die Eltern verpflichten sich zur Kooperation und nehmen an einem speziellen Elterntrainingskurs (basierend auf dem Münchner Trainingsmodell von Paul Innerhofer) teil mit zwei Follow-up-Kursen im Abstand von drei Monaten.

· Die Eltern erhalten regelmäßige Rückmeldung über das Lern- und Sozialverhalten der Schüler im Rahmen eines "Wochenberichts".

· Zur Stärkung des "Wir-Gefühls" innerhalb der Schulgemeinschaft nehmen Schüler und Lehrer die Mahlzeiten gemeinsam ein.

· Monatlich findet eine externe Supervision statt.

· Das pädagogische Konzept wird ständig an die spezifischen Bedürfnisse der SchülerInnen angepasst und unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung weiterentwickelt.

· Ein wissenschaftlicher Beirat (bestehend aus Ärzten, Psychologen und Pädagogen) steht den Schulen beratend zur Seite.

· Eine notwendige medikamentöse Therapie wird sorgfältig überwacht und ist immer in eine umfassende Beratung aller Beteiligten eingebettet.

· Es soll den Schülern ein breitgefächertes Angebot an Arbeitsgemeinschaften und Freizeitaktivitäten zur Verfügung stehen (z.B. Sport, Labor, Werkstatt, Chor, ...)

· Eine Rückintegration der SchülerInnen in das Regelschulsystem soll bei entsprechendem Wunsch möglich sein.

· Die Basiskompetenzen im pädagogischen Angebot für zukunftssicheres Lernen sind: Die Lese- und Schreibkompetenz, die mathematische Kompetenz, Medien- und Lernkompetenz, soziale Kompetenz, Verantwortung und Gesundheitspflege. In höheren Klassen werden Logik und Rhetorik gefördert.

· Grundlage für die schulische Ausbildung sind Bildungsplan und die Stundentafel für Baden-Württemberg in ihrer jeweils gültigen Fassung.

· Die Stärken jedes Kindes sind Ausgangspunkt des Lernprozesses. Durch die Vermittlung von Methodenkompetenzen, die Förderung der Selbstorganisation und den Einsatz von Lerntagebüchern und Portfolios soll die Lernplanung der SchülerInnen unterstützt werden.

1.3 Ergänzende Maßnahmen zur Qualitätssicherung des Unterrichts

Im Hinblick auf die Sicherstellung der im Privatschulgesetz geforderten gleichwertigen Qualifikation des Lehrpersonals werden ergänzend folgende Maßnahmen durchgeführt:

Lehrer mit wissenschaftlicher Ausbildung (Hochschulstudium) ohne pädagogische Ausbildung erhalten hausintern eine intensive Mentorenbegleitung durch erfahrene Kollegen. Gegebenenfalls werden diese Lehrer zur weiteren Qualifizierung fachdidaktische Veranstaltungen an einem Gymnasialseminar besuchen.

Alle Lehrer ohne schulrechtliche Vorbildung erhalten eine Schulung in Schulrecht durch einen externen Schulrechtsexperten (Schulleiter eines staatlichen Gymnasiums). Über diese Schulung wird eine Bescheinigung erstellt, die an die Schulaufsichtsbehörde weitergeleitet wird. Daneben werden die Lehrer regelmäßig an Fortbildungsmaßnahmen der Studienseminare teilnehmen.

Im Sinne einer offenen Informationskultur bietet das Private Gymnasium Esslingen an, die Schulaufsichtsbehörde freiwillig und regelmäßig über Leistungsstände der Schüler zu informieren (Mitteilung von Ergebnissen aus DVA und ZKA).

1.4 Besondere Anforderungen an Lehrerkräfte von ADHS Schülern

Kinder, die von ADHS betroffen sind, stellen für den Lehrer eine besondere Herausforderung dar. Ein überschaubarer, klar strukturierter Unterrichtstag, wiederkehrende Rituale und eindeutige Grenzen sind für ADHS-Kinder unverzichtbare Hilfen, um im Unterricht bestehen zu können.

Das Private Gymnasium Esslingen praktiziert das "offene Klassenzimmer". Durch enge Kooperation und ständige Supervision und Evaluation zwischen Lehrerkollegium und psychologisch-pädagogischer Leitung wird ständig an der Schärfung eines möglichst optimalen Lehrerprofils gearbeitet. Das angestrebte Lehrerprofil könnte etwa so aussehen:

· engagiert

· motiviert und motivierend

· ruhig, geduldig aber durchsetzungsfähig

· gelassen und fähig, auch eigene Fehler einzugestehen

· das Verhalten der Kinder nicht persönlich nehmend

· nicht nachtragend, mit etwas Humor ausgestattet

· mit einer positiven Sicht auf den Schüler

· kooperativ bzgl. Kollegen, psychol.-pädag. Fachkräften, Eltern

· umfassend informiert über ADHS und Komorbiditäten (durch speziell konzipierte Schulungen)

· neuen Wegen gegenüber aufgeschlossen

· in der Lage, Stoff klar und aufbauend zu vermitteln

· strukturiert und strukturierend

· gerecht

· mit echtem Interesse für das Kind/den Jugendlichen

· Regeln aufstellen könnend und selbst auch einhaltend

Bedingung für die Anstellung als Lehrer am Privaten Gymnasium Esslingen ist die Bereitschaft, selbstkritisch und beständig an sich selbst zu arbeiten, um diesem idealtypischen Lehrerprofil möglichst nahe zu kommen. Dabei werden aber selbst die erfahrensten und geduldigsten Lehrer von einem ADHS-Kind immer wieder an ihre pädagogi-schen und menschlichen Grenzen geführt werden. Alleine ist es schwer, im Umgang mit ADHS-Kindern die nötige Gelassenheit, Konsequenz und das Durchhaltevermögen auf Dauer aufrecht zu erhalten. Deshalb ist eine enge Kooperation innerhalb des Kollegiums unabdingbar, um bei den Schülern positive Veränderungen auf Dauer zu erreichen.

2 PÄDAGOGISCH-DIDAKTISCHE UMSETZUNG

Vor einer Beschreibung der Unterrichtskonzeption und der Umsetzung der Stundentafel sollen für ein besseres Verständnis, noch einige Besonderheiten im Verhalten von Kindern mit ADHS dargestellt werden.

2.1 Typische Verhaltensmuster von ADHS-Kindern im Unterricht

Die aktuelle Forschung unterscheidet im Wesentlichen zwischen ADHS mit und ohne Hyperaktivität ("Träumertyp"). Kinder mit ADHS und Hyperaktivität (ADHS) sind beeinträchtigt durch:

· Verminderte Konzentration und Daueraufmerksamkeit sowie geringe Merkfähigkeit bei Desinteresse und subjektiv empfundener Überforderung

· Emotionale Steuerungsschwäche, Impulskontrollstörungen

· Hohe Ablenkbarkeit bei motorischer Unruhe

· Grob-, fein-, und vor allem grafomotorische Beeinträchtigung

· Selbstwertproblematik bei zunehmender Verunsicherung

· Soziale Kontaktschwierigkeiten mit oft drohender Ausgrenzung

· Ständiges Gefühl, nicht verstanden zu werden

· Wahrnehmungsstörungen (oberflächlich überhüpfender Wahrnehmungsstil)

· Als Teilleistungsschwäche häufig Leserechtschreibschwäche oder Legasthenie

Kinder mit ADHS ohne Hyperaktivität sind beeinträchtigt durch:

· Abgleiten ins Träumen, Ablenkbarkeit

· Oft ausgeprägte Merkschwäche

· Zu langsames Arbeitstempo

· Langsames und inflexibles Denken mit Umstellunkschwierigkeiten

· Ängste und Probleme in der sozialen Eingliederung

· Selbstabwertung bei zunehmend schlechtem Selbstwertgefühl

· Häufig "Opferverhalten", Unfähigkeit sich abzugrenzen

· Häufig als Teilleistungsschwäche Dyskalkulie

Beiden ADHS-Typen ist gemeinsam, dass sie unabhängig von ihrer Intelligenz große Schwierigkeiten bei der Einhaltung von Regeln haben. Die Forschung geht davon aus, dass Kinder mit ADHS Lerninhalte zwischen 8 und 18 Mal häufiger wiederholen müssen. Für normale Schüler einfach einzuhaltende Regeln zur Heftführung (Linealgebrauch, Rand einhalten...) oder die Selbst- und Lernorganisation stellen für diese Kinder große Schwierigkeiten dar.

Hier einige Kernprobleme, die den Lehrer im Unterricht vor besondere Herausforderungen stellen, wobei dies um viele weitere Auffälligkeiten der Kinder zu ergänzen wäre.

Impulsivität

Das Kind redet vor sich hin, stört andere durch Zwischenrufe, kann nicht warten bis es aufgerufen wird, handelt vorschnell, reagiert vorschnell und manchmal aggressiv, sagt Beleidigendes ohne darüber nachzudenken.

Unaufmerksamkeit

Das Kind wird sehr schnell abgelenkt, kann sich nicht lange konzentrieren, findet die richtige Buchseite nicht, kramt ewig im Ranzen, hört nur halb zu, vergisst oder verliert oft etwas, führt nichts zu Ende, kennt den Stundenplan nicht, kann sich die Hausaufgaben nicht merken. Das Kind verpasst viele relevante Inhalte des Unterrichts durch sein Wegträumen.

Hyperaktivität

Das Kind ist ständig in Bewegung, sitzt nicht lange still, fällt vom Stuhl, macht Geräusche, bewegt sich unkoordiniert, stößt sich oft, wirft Dinge um, schätzt seine Kraft falsch ein, kann keine Grenze zwischen eigenen und fremden Schulsachen einhalten. Hält sich wach durch Räkeln, sich kratzen, an etwas herumkauen oder herumspielen, etc.

Das mangelhafte Dosierenkönnen grober Kraft bewirkt das schlechte Schriftbild und die motorischen Koordinationsprobleme.

Hinzu kommt häufig eine sehr ausgeprägte Geruchs- Geräuschempfindlichkeit (letzteres obligat bei hochbegabten Kindern mit ADHS.

2.2 Schlussfolgerungen für die Unterrichtskonzeption

Um den besonderen Bedürfnissen von SchülerInnen mit ADHS Rechnung zu tragen, wurde u.a. basierend auf der 8-jährigen Erfahrung in der ADHS-Mini-Notschule e.V. Esslingen ein besonderes Curriculum entwickelt. Das möglichst frühe Erkennen von Schülern mit Teilleistungsstörungen wie LRS oder Dyskalkulie durch eigens geschultes Fachpersonal steht zunächst im Vordergrund.

Im Sinne einer konsequenten Binnendifferenzierung sollen die Schüler je nach ausgemachten Stärken und Schwächen individuelle Förderung erfahren. Schüler mit LRS erhalten außerhalb des Unterrichts ein spezielles auf der bewährten Methode von Öhler und Born basierendem Training. Ebenso erfahren Kinder mit Rechenschwäche besondere ergänzende außerunterrichtliche Betreuung. Regelmäßiges, schwerpunktmäßig im ersten Schulhalbjahr stattfindendes Methodentraining geht insbesondere auf die Schwächen der Kinder bei Selbstorganisation und Lernstrategien ein. Ein regelmäßiges Konzentrationstraining/Training der sozialen Kompetenz rundet das Angebot zur Kompensation von ADHS bedingten Störungen ab. Ebenso werden bereits früh informationstechnische Grundkenntnisse vermittelt (ITG). Dies unter anderem deshalb, damit die Kinder baldmöglichst computergestützt lesbare und optisch ansprechende (!) Texte anfertigen können, was eine positive Rückwirkung auf die Gestaltung der Heftführung und die Verwertbarkeit der Arbeitshefte als Lerngrundlage mit sich bringt.

Die konsequente Überwachung der Erledigung von Übungsaufgaben (Hausaufgaben) innerhalb und außerhalb des Fachunterrichts stellt eine weitere Stütze für die Kinder dar. In diesem Zusammenhang kommt den Kindern die Konzeption als Ganztagesschule zugute, in der die wichtigsten Aufgaben und Übungen bereits vor Ort erledigt werden können. An der Privates Gymnasium Esslingen wird grundsätzlich angestrebt, das Doppelstundenmodell umzusetzen.

2.2.1 Verwendung der Poolstunden

Grundlage des Unterrichts am Privaten Gymnasium Esslingen ist der Bildungsplan sowie die Stundentafel für das achtjährige Gymnasium in der jeweils gültigen Fassung.

Bei der Verwendung der Poolstunden werden ADHS bedingt besondere Schwerpunkte gesetzt. So werden Poolstunden insbesondere in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen in den Klassen 5-7 eingesetzt, um sicherzustellen, dass in diesen Fächern solide Grundlagen geschaffen werden, auf die dann in den oberen Klassen aufgebaut werden kann. Dem besonderen Bedarf von Kindern mit ADHS an Wiederholung und Einübung des Gelernten wird mit der schwerpunktmäßigen Verwendung der Poolstunden in den unteren Klassen Rechnung getragen. Es wird angestrebt, dass bis Klasse 8 die klasseninternen Unterschiede in Leistungs- und Wissensstand sowie Methodenkompetenz möglichst ausgeglichen werden und bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend homogene Lerngruppen geschaffen sind. Nachstehend ist die zur Umsetzung des besonderen pädagogisch-didaktischen Basiskonzepts der Privates Gymnasium Esslingen angepasste Stundentafel beigefügt.

3 HOCHBEGABTENFÖRDERUNG

3.1 Vorbemerkung

Naturgemäß können die folgenden Ausführungen zum Themenkomplex Hochbegabtenförderung wegen des noch jungen Entwicklungsstadiums des Privaten Gymnasiums Esslingen zum Teil nur prospektiv sein. Bevor auf die uns übermittelte Checkliste zur Hochbegabtenförderung eingegangen wird, soll zunächst noch auf einige Besonderheiten zum Zusammenhang von ADHS und Hochbegabung eingegangen werden.

3.2 ADHS und Hochbegabung

Es gibt keinen unmittelbaren statistischen Zusammenhang zwischen ADHS und Hochbegabung. Allerdings lässt sich ganz allgemein sagen, dass Kinder mit der Kombination ADHS und Hochbegabung in aller Regel große schulische Probleme haben.

Viele hyperaktive Kinder fallen schon früh auf durch einen großen Wissensdurst, Bewegungs- und Beschäftigungsdrang, durch fließende Sprache mit großem Wortschatz, Kreativität verbunden mit großem Schaffensdrang. Die Kinder sind sehr neugierig und schnell von Begriff. Oft wollen die Kinder schon vor der Schule lesen, rechnen und schreiben lernen. Der erste Anschein lässt erwarten, dass dem Kind eine erfolgreiche Schullaufbahn bevorsteht, was allerdings in aller Regel in sich zusammenbricht, wenn sie ab Schuleintritt immer mehr und regelmäßig schreiben müssen.

Dagegen wird eine sehr gute Intelligenz bei Kindern mit ADHS ohne Hyperaktivität, also beim "Träumertyp" nur selten bemerkt und eine eventuelle Hochbegabung gar nicht erst vermutet. Denn diese Kinder fallen gegenüber ihren Altersgenossen zunächst überhaupt nicht auf. Sie sind eher zurückhaltend bis schüchtern, beobachten lieber, zeigen bisweilen Schulangst, fürchten sich z.T. vor fremden Kindern z.T. vor der Trennung von den Eltern. Sie begreifen z.T. Inhalte langsamer, können sich schlecht von einer Sache auf die Nächste umstellen.. Sie sind sehr kritikempfindlich und weinen leicht. Sie scheinen von ihrer Umgebung wenig Notiz zu nehmen und scheinen oft eher mit sich selbst und ihrer Traumwelt beschäftigt zu sein.

Hier tut sich eine große Kluft zwischen den beiden ADHS-Subtypen auf. Das hyperaktive Kind kann durch seine Reizoffenheit zunächst von seiner Veranlagung profitieren, indem es sich selbst fordert und fördert. Im Gegensatz dazu verkümmert die Intelligenz von Kindern des "Träumertypus" oft, weil das Kind wenig Anteil an seiner Umwelt nimmt, vieles nicht wahrnimmt und wenig Kontakt sucht zu Gleichaltrigen.

Trügerisch ist bei beiden Subtypen, dass sie, im Falle einer hohen Intelligenz lange Zeit vorhandene Defizite überbrücken können und so für Eltern und Lehrer lange unentdeckt bleiben. Es kommt in dieser Phase oft zu Missdeutungen ihres eigenartigen Verhaltens. An eine mögliche Beeinträchtigung ihrer Entwicklung wird zunächst gar nicht gedacht. Im Gegensatz zu den Erwachsenen nehmen die Kinder ihr "Anderssein" oft sehr deutlich war. Sie sind verunsichert und reagieren aggressiv oder ängstlich. Spätestens diese Kennzeichen sollten Anlass für eine eingehende Untersuchung und Diagnostik auf ADHS geben, vor allem wenn auch depressive Symptome dazukommen (bis hin zu suizidalen Äußerungen!).

In der herkömmlichen schulischen Praxis hat sich gezeigt, dass überdurchschnittlich intelligente Kinder mit ausgeprägtem ADHS der schulischen Belastung nicht gewachsen sind und ihr Leistungspotenzial nicht in entsprechend gute Noten umsetzen können. Es ist daher häufig der Fall, dass selbst hochbegabte Kinder mit ADHS und Teilleistungsstörungen in der Hauptschule landen oder in Ausnahmefällen wegen schweren Verhaltensauffälligkeiten, Lese- Rechtschreib- oder Rechenschwäche sogar eine Förderschule oder Schule für Erziehungshilfe besuchen. Mit dem jetzigen Wissensstand über ADHS und den standardisierten Diagnosemethoden kann dies künftig vermieden werden.

3.2.1 Hochbegabt und ADHS

Die Intelligenz gilt als ein über weite Lebensabschnitte hinweg stabiles Merkmal. Das ist bei ADHS-Kindern nicht immer der Fall, wie sich durch Verlaufsuntersuchungen des Intelligenzquotienten bei Kindern mit ausgeprägter ADHS- Symptomatik nachweisen lässt.

Das ADHS kann als Veranlagung mit geringem Ausprägungsgrad die Entwicklung hochbegabter Kinder nicht wesentlich beeinträchtigen. Aber eine ausgeprägte ADHS-Symptomatik mit multiplen Wahrnehmungsstörungen hat immer Auswirkungen auf die intellektuelle Leistungsfähigkeit. Mit Zunahme der Anforderungen bleibt die kognitive Leistungsfähigkeit des ADHS-Kindes in ihrer altersgemäßen Entwicklung zurück. Die unter 2.1 genannten typischen Verhaltensmuster von ADHS Kindern mit Hochbegabung erfahren teils eine Verstärkung in Verbindung mit der Ausprägung von Komorbiditäten (Angststörungen, Depressionen, oppositionelles Trotzverhalten, .)

Die sehr gute Intelligenz der Kinder mit ADHS ohne Hyperaktivität kann ebenfalls erschwerend zu den in 2.1 genannten Symptomen von Komorbiditäten begleitet sein.

Diese hypoaktiven Kinder reagieren vorwiegend introvertiert und bekommen frühzeitig psychosomatische Beschwerden, deren Hintergrund ungelöste Konflikte sind. Sie halten sich für Versager und flüchten in eine Traumwelt. Erst nach erfolgreicher Behandlung, die bei schwerer Beeinträchtigung durch die ADHS-Problematik fast immer eine Gabe von Stimulanzien erforderlich macht, können diese Kinder von ihrer sehr guten Intelligenz profitieren und die von ihnen so lang ersehnte Anerkennung bekommen. Diese Stimulanzienbehandlung gleicht eine angeborene Funktionsstörung im Stirnhirnbereich und einen Mangel an Botenstoffen zur Reizübermittlung und Reizverarbeitung aus. Sie kann niemals die Intelligenz als solche verbessern, macht sie aber beim ADHS für den Betroffenen wieder verfügbar. Verlaufsbeobachtungen zeigen, dass bei Nichtbehandlung ein Abfall des lQ bis zu 15 % eintreten kann, dass aber umgekehrt bei Stimulanzienbehandlung ein Anstieg des lQ in der gleichen Größenordnung zu erwarten ist. Wahrnehmung, Merkfähigkeit und die emotionale Steuerung verbessern das innovative Denken dieser Kinder, Anerkennung und Erfolg motivieren zur Leistung.

3.2.2 Hochbegabung und Unterforderung

In der Schule und auch schon im Kindergarten sind hochbegabte Kinder oft unterfordert. Sie sollten vorzeitig eingeschult werden, evtl. eine Klasse überspringen und wenn möglich eine Schule besuchen, die Sonderförderprogramme für hochbegabte Kinder anbietet. Sie brauchen außerdem eine kontinuierliche, strukturierte und fördernde Beschäftigung am Nachmittag. Das Phänomen der Unterforderung kann oberflächlich betrachtet der beschriebenen Symptomatik bei ADHS sehr ähnlich sein, die nötigen Konsequenzen wären dann jedoch ganz verschiedene. Bisher wird bei einem hochbegabten Kind, das unkonzentriert ist, sich langweilt, den Unterricht stört, gute Denkleistungen erbringt, aber schlechte Noten in den Arbeiten schreibt, noch viel zu oft eine Unterforderung vermutet, wo ein ADHS vorhanden ist, denn beides gleichzeitig ist möglich. Hier sind professioneller Rat und eine entsprechende Diagnostik erforderlich.

3.2.3 Zielgruppe Underachiever

Gerade hochbegabte und sehr intelligente Kinder mit ADHS merken früh die Diskrepanz zwischen dem, was sie vom Kopf her alles erfassen und wissen und dem, was sie auf Anforderung auf das Papier bringen können. Sie merken, dass sie anders wahrnehmen, anders reagieren, dass ihnen of in wichtigen Situationen die richtigen Worte fehlen, sie sind zu empfindlich und unter Stress gelingt ihnen gar nichts (Versagen bei Klassenarbeiten und Prüfungen). Das verunsichert sie mit der Zeit. Sie reagieren aggressiv gegen sich und andere oder sie resignieren, entwickeln Ängste und flüchten in frühere Entwicklungsstufen. Wenn das Kind in der Schule zusätzlich noch Verhaltensprobleme zeigt oder Schwierigkeiten im Schreiben, Rechnen oder Lesen hat, würde niemand hier ein hochbegabtes Kind vermuten.

Je intelligenter diese Kinder sind, um so mehr leiden sie. Leiden heißt hier, dass ihr Selbstwertgefühl immer schlechter wird, da sie sich chronisch unverstanden fühlen und zum Außenseiter werden.

Die psychische Belastung auf Dauer kann Ausgangspunkt und Ursache späterer psychischer Erkrankungen sein, wie Depressionen Angststörungen, Zwänge, Suchtverhalten mit Dissozialität oder auch Selbstmordgedanken. Eine kritische Zeit für die psychische Dekompensation dieser Kinder ist die Pubertät. Kinder, die trotz Hochbegabung in der Schule, in der Ausbildung und auch im späteren Leben versagen, werden deshalb als "Underachiever" bezeichnet, weil sie hinter ihren Möglichkeiten zurück bleiben.

Unter diesen Underachievern befinden sich sehr viele Kinder und Jugendliche mit einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Eine rechtzeitige Diagnostik und Behandlung kann den Betroffenen helfen, dass ihre sehr gute Intelligenz zum Tragen kommen kann. Je zeitiger das ADHS erkannt und behandelt wird, umso besser ist der Erfolg. Sehr viele hochbegabte Kinder haben Teilleistungsstörungen, wie Rechtschreib- oder Rechenschwäche. Hier sollte ebenfalls an eine ADHS mit ausgeprägten Wahrnehmungsstörungen im Hintergrund gedacht werden.

Die Symptome bei ADHS sind so breit gefächert - kaum ein ADHS-Fall gleicht dem anderen - und können bei sehr guter Intelligenz lange kompensiert werden, bis es einmal, und dann meist sehr überraschend, zu einer völlig unerwarteten Reaktion der Betroffenen kommt.

Der Focus einer Hochbegabtenförderung am Privaten Gymnasium Esslingen wird sich nach den obigen Ausführungen also in erster Linie an den Typus des "Underachiever" richten. Das ganzheitliche pädagogische Basiskonzept des Privaten Gymnasiums Esslingen beinhaltet sowohl die erforderliche Diagnosekompetenz als auch die schulischen Rahmenbedingungen um der Förderung von Kindern mit der Kombination ADHS und Hochbegabung gerecht zu werden.

3.3 Hochbegabtenförderung: Checkliste Schule

Nachfolgend sollen die Fragestellungen aus der Checkliste zur Hochbegabtenförderung am Privates Gymnasium Esslingen erläutert werden.

3.3.1 Örtlichkeiten/Räumlichkeiten

· Die Schule ist bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Unmittelbar vor der Schule ist eine Bushaltestelle mit direkter Verbindung zum Bahnhof Esslingen.

· Das Raumangebot ist großzügig und ausbaufähig (s. dazu Anlage 4.1)

· Es sind Rückzugsräume für störungsfreies und selbständiges Lernen und für Einzelbetreuung vorhanden.

3.3.2 Ausstattung

· Die Ausstattung für Sprachen, Gesellschafts- und Naturwissenschaften wird in den kommenden Monaten gezielt ausgebaut, um den Erfordernissen der Förderung von Hochbegabten gerecht zu werden.

· Es bestehen in allen Klassenräumen Netzzugänge. Zwei SchülerInnen teilen sich einen multimediafähigen PC.

· Die Klassen sind entweder mit Smartboard oder Beamer ausgestattet, Overheadprojektoren sind für alle Klassen vorhanden.

· Die Fachschaften erarbeiten derzeit Zusatzlehrmaterial für den binnendifferenzierenden Einsatz im Unterricht bzw. zur individuellen Förderung.

3.3.3 Didaktisches Konzept/Hochbegabtenförderung

· Je nach ADHS-Subtyp wird das Förderkonzept integrativ oder separativ angelegt sein müssen.

· Wie oben ausgeführt wird sich das Förderkonzept in erster Linie an hochbegabte Underachiever richten.

· Formen der begleitenden Lernstandsdiagnostik müssen von den Fachschaften noch erarbeitet werden.

3.3.4 Enrichment-Konzept

· Es gibt bereits Planungen zu einem Enrichment-Konzept, die jedoch aufgrund der jungen Entwicklungsstufe nach einjährigem Betrieb der Schule noch nicht ausgereift sein können.

3.3.5 Betreuungsangebot

· Wie aus der detaillierten Beschreibung des pädagogischen Basiskonzepts des Privaten Gymnasium Esslingen ersichtlich wurde, besteht von Seiten der Lehrkräfte eine hohe Bereitschaft, persönliche Betreuungsverhältnisse einzugehen. Die Lehrerkräfte sind über ihr Unterrichtsdeputat hinaus zu Präsenzzeiten an der Schule verpflichtet, die für Zusatzbetreuungen, Arbeitsgemeinschaften, Freizeitaktivitäten mit den Schülern sowie für Aufsicht und Vertretungen eingesetzt werden.

· Das Kollegium des Privaten Gymnasiums Esslingen zeichnet sich durch ein besonderes Maß an Sensibilisierung und Interesse an der Förderung hochbegabter Schüler aus. Bedingung für die Anstellung als Lehrkraft ist die Absolvierung entsprechender Trainingseinheiten zum Schwerpunktthema ADHS.

· Die pädagogisch-psychologische Schulungskompetenz durch qualifizierte Psychologen für diese Herausforderung ist im Hause vorhanden.

· Das Vorhandensein von Muttersprachlern in den Fremdsprachen (derzeit Französisch), promovierten und damit wissenschaftlich hochspezialisierten Fachlehrern (derzeit Dr. phil, Dr rer. nat.), gewährleistet ein fachlich hohes Anspruchsniveau.

· Der psychologische Dienst im Hause ist Bestandteil der Gesamtkonzeption.

· Das pädagogische Basiskonzept des Privaten Gymnasium Esslingen wird in Gestalt einer Ganztagsschule verwirklicht.